Dreehunnertachtig Mark, warm

Da sorgte der Richter für etwas mehr Tempo

Premierenaufführung der Schleswiger Speeldeel / 200. Mitglied geehrt

 

 

"... un nix as de Wohrheit" - so heißt es vor Gericht. Aber so ganz mit der Wahrheit haben es die beiden alten Damen nicht gehabt, sonst stünden sie wohl nicht vor dem Richter. Aber was ist denn schon dabei, daß Emmi Achterback und ihre Zwillingsschwester Klara Dingelstedt Mietwohnungen anbieten, die sie gar nicht haben? Sie wollen doch nur mit den potentiellen Mietern klöhnen, um ihrem langweiligen Leben etwas Farbe zu geben. Aber dann wird es doch ein bißchen kriminell...

Eigentlich ein ernstes Stück, durch ein paar Gags aufgeheitert. Für das Fernsehen hatte Heinz Meising, der übrigens zur Premiere extra aus Berlin angereist war, das Stück "Dreehunnertachtig Mark, warm" geschrieben, und Olly Gröning hatte es zur Premierenaufführung der Schleswiger Speeldeel bearbeitet und ins Plattdeutsche übersetzt. Das Stück hat viele Längen, die wohl das eintönige Leben der beiden alten Damen illustrieren sollen. Auch die Regie (Uwe Petersen) tat nichts dagegen: mit epischer Breite und vielen Pausen (auch beim Umbau) wurde es bis ins einzelne ausgespielt und interpretiert, so daß auch der Richter gelegentlich zu flotterem Tempo mahnen muß... Denn das war ein hübscher Gedanke: es geht eigentlich um die Gerichtsverhandlung, bei der die Zuschauer anwesend sind - und sich beim Urteilsspruch sogar erheben müssen. Und was die beiden Angeklagten erzählen, das spielen sie auf der Bühne, während der Richter und die Anklagebank sich auf der Vorbühne befinden. Aber etwas flotter sollte es vielleicht doch gehen. (Aber daß dabei die Unicef und die hungernden Kinder mit bemüht werden, ist wohl doch recht bedenklich!)

Die beiden Schwestern werden von Anne Schmidt und Olly Gröning gespielt. Ihre Resignation über das eintönige Leben nimmt man ihnen ab; Anne Schmidt als Klara ist zu Anfang vielleicht etwas zu kratzbürstig und' "gnartschig", gibt aber im Laufe des Spiels mehr her. Olly Gröning ist wohl ganz in ihrem Element: verzweifelt, freudig, mütterlich, interessiert, engagiert - jede Szene hatte ihr eigenes Flair. Souverän und menschlich "ok dat Hart hett wat to seggen" - gab Horst Seegebarth den Richter, der viel Verständnis für die "Sünden" der Damen aufbringt.

Und dann die "Mieter":

Horst Jacobs spielt den Friseur Loßberg mit einer guten Mischung aus smartem Jüngling und frechem Flegel; Uwe Petersen war ein raffinierter Makler, der sein Mäntelchen nach dem Winde hängte. Karin Jacobsen spielte - mit gutem Platt - eine Krankenschwester, die sehr echt wirkte. Vor allem war sie die einzige, die dann wirklich zu einer neuen Wohnung kam. Eine herrliche Type von modernem Vamp spielte Heike Walter mit allen geforderten Allüren und Accessoirs. Kalli Walter war der Geschäftsmann mit den eindeutigen Absichten, wenn auch ohne Erfolg.

Die beiden jungen Leute - ohne Ring - spielten Wulf Gröning und Birte Nissen. Mit allen Mitteln und mit Erfolg versuchen sie, die Emmi um den kleinen Finger zu wickeln, aber auch sie kriegen die Wohnung nicht.

Fast die Schlüsselfigur ist der Kaufmann Egon Flimm, von Herwig Jürgensen schlicht und echt dargestellt. Auch hier wieder hübsch die Idee, ihn aus dem Zuschauerraum erscheinen zu lassen. Er bringt den Stein ins Rollen, muß sich aber auch Vorwürfe vom Richter anhören. Seine Leistung ist lobenswert.

Regie führte bei der Aufführung, wie erwähnt, Uwe Petersen. Das ansprechende Bühnenbild stammte von Helmut Utermann, Masken und Frisuren hatte Heike Walter besorgt, die auch als Souffleuse eine verantwortungsvolle Aufgabe übernommen hatte. Besonders viele Blumen gab's nach dieser Premiere, und wie immer herzlichen Beifall.

Werner Jungjohann hatte das volle Haus begrüßt und dabei dem 200. Mitglied des Förderkreises, Maren Buth, einen Blumenstrauß überreicht.

Reimer Pohl

Schleswiger Nachrichten, 25.1.1985

 

 

Speeldeel mit plattdeutscher Version "Villa zu vermieten"

Wenn Senioren etwas erleben wollen

 

Schleswig. Als Olly Gröning sich daranmachte, aus dem Fernsehspiel „Villa zu vermieten" von Heinz Meising durch Übersetzung ins Plattdeutsche ein Lustspiel in sieben Bildern zu machen, war sie beseelt von dem Gedanken: „Wie macht man ein Ende mit dem Alleinsein der Alten, die etwas erleben wollen, die gern mal schnacken wollen und noch Aufgaben im Alter haben?" Wie ein roter Faden zieht sich dieser Gedanke der Menschlichkeit durch das ganze Stück, das sie mit viel Geschick aufgebaut hat.

Daß sie selbst dabei zur Darstellung einer wahren Charakterrolle gekommen ist, die sie hervorragend gestaltet hat, ist ein großes Verdienst für die plattdeutsche Literatur. Die Anwesenheit des Autors des Fernsehspiels, Heinz Meising aus Berlin, gab der Aufführung noch besonderen Wert.

Ihre zweieiige so ganz andere Zwillingsschwester Klara Dingelstett wurde von Anne Schmidt, zunächst zwar etwas farblos aber mehr und mehr in das aktive Fahrwasser ihrer Schwester Emmi Achterback geratend zur utopischen Villenbesitzerin. Die verschiedenen Interessenten für die „Wohnung, 380 Mark warm" wurden individuell und alle mit gutem Platt begabt dargestellt. Der Friseur Loßberg (Horst Jacobs) mit der sympathischen Handschrift; sehr gut in seiner Sinneswandlung Kalli Walter als Geschäftsmann Wendt, ein wenig zu brav und ehrlich wirkend, mit seiner Mitarbeiterin (Heike Walter) in einer einmaligen Vamp-Aufmachung (vom Publikum mit viel Szenenapplaus bedacht). Uwe Petersen als Makler Habermann, dem es nicht gelang die clevere Wohnungsvermieterin zu übertölpeln, um dann beim Abschied die rauhe Seite seines Wesens zu zeigen. Sehr sympathisch und lebensecht Karin Jacobsen als Krankenschwester, und schließlich der sympathische Automechaniker Manfred (Wulf Gröning) mit seiner impulsiven Freundin Inge (Birte Nissen). Und dann kam der gewitzte Koopmann Egon Flimm (Herwig Jürgensen), der „den Braten roch", freilich zu spät. Als Richter fungierte Horst Seegebarth in ihm gut stehender richterlicher Aufmachung, souverän agierend, ruhig und überlegt in seiner Fragestellung.

Regie führte Uwe Petersen. Das Stück selbst ist reichlich langatmig, fast als Pantomime wurden manche Szenen ausgespielt. Ein Rotstift dürfte hier und da zur Straffung angebracht sein. Die Idee, das Ganze als Rahmenerzählung ablaufen zu lassen, war nicht schlecht. Die dunklen Zwischenräume lassen sich vielleicht abkürzen, da das bezaubernde Bühnenbild (Helmut Utermann) stets gleich bleibt. Heike Walter war außer ihrer Rolle auch noch verantwortlich für „Hoor un Snutenwark", und "toseggen" deh se ok noch. Alle Achtung!

Werner Jungjohann konnte als 200. Mitglied des Förderkreises der Speeldeel Maren Buth begrüßen.

 

Elfriede Kollmann

Schleswig-Holsteinische Landeszeitung, 28.11.1985

 

 

Amüsant-nachdenkliches Stück über zwei ehrbare alte Damen

Speeldeel gastierte mit „Dreehunnertachtig Mark, warm

Eckernförde (CR). Was geschieht, wenn zwei alte alleinstehende Damen sich langweilen und plötzlich auf eine ausgefallene Idee kommen? Die Schleswiger Speeldeel führte es auf Einladung der Plattdütsch Gill dem Eckernförder Publikum in einer vollbesetzten Stadthalle mit dem Lustspiel „Dreehunnertachtig Mark, warm" amüsant und unterhaltsam vor Augen.

 

Der Richter (Horst Seegebarth), der neben einer lebensgroßen Justizia auf der Bühne thronte, appellierte gleich zu Beginn des Stückes, in diesem Fall nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen zu entscheiden. Denn der spontane Einfall der zwei ehrbaren alten Damen endet in einem Gerichtsprozeß. So bildeten die Fragen des Richters den Roten Faden in einer Reihe von Rückblenden, die die Entwicklung der Geschichte lebendig schildern.

„Endlich ein Ende mit dem ewigen Alleinsein, wir spielen wieder mit und gehören dazu", freut sich Emmi Achterback. Um der Einsamkeit zu entfliehen, bietet sie per Annonce die Vermietung einer „lütten, niedlichen Wohnung" an, die nur einen Nachteil hat, daß sie ihr gar nicht gehört. Ihre Schwester Klara, zurückhaltend aber liebenswert von Anne Schmidt verkörpert, ist zunächst skeptisch, Mit gemischten Gefühlen beobachtet sie, wie die potentiellen Mieter sich die Klinke in die Hand geben.

Doch wer kann es der von Olly Gröning sympathisch und herzerfrischend dargestellten Emmi übelnehmen, wenn sie sich über den „netten Besuch" freut. Pfiffig laviert sie sich um die Vermietung der nicht vorhandenen Wohnung herum, vermittelt eine Krankenschwester (Karin Jacobsen) an die Nachbarin weiter, läßt einen Makler (Uwe Petersen) abblitzen und vertröstet das junge Paar Manfred (Wulf Gröning) und Inge (Birte Nissen) auf später. Keine Chance hat bei ihr die „zweifelhafte Zweisamkeit" eines Geschäftsmannes (Kalli Walter) und seiner „Mitarbeiterin" (Heike Walter).

Jetzt will es auch Klara wissen: Sie annonciert eine fiktive Villa, um die „Leute aus der Chef-Etage" kennenzulernen. Doch mit Kaufmann Flimm (Herwig Jürgensen) erleidet sie Schiffbruch. Alles kommt raus - aber der Richter läßt Milde walten.

Kurzweilig und unterhaltsam brachte die Schleswiger Speeldeel das Stück „Dreehunnertachtig Mark, warm", das übrigens von Hauptdarstellerin Olly Gröning für das Niederdeutsche bearbeitet wurde, auf die Bühne. Und das nicht ohne nachdenklichen Seitenblick auf die Einsamkeits-Problematik des Alters. Der Regie von Uwe Petersen ist es zu verdanken, daß das Lustspiel in keiner Zeile ins „Klamottige" abrutschte, sondern durchgehend sehenswert blieb.

Kieler Nachrichten

 

 

De Rullen un de Speelers

 

Emmi Achterback

 

Olly Gröning

Klara Dingelstett

 

Anne Schmidt

Richter

 

Horst Seegebarth

Loßberg, Friseur

 

Horst Jacobs

Wendt, Geschäftsmann

 

Kalli Walter

sien Mitarbeitersch

 

Heike Walter

Habermann, Makler

 

Uwe Petersen

Christa, Krankensüster

 

Karin Jacobsen

Manfred, Automechaniker

 

Wulf Gröning

Inge, sien Fründin

 

Birte Nissen

Egon Flimm, Koopmann

 

Herwig Jürgensen

 

 

 

Intrimmt hett

 

Uwe Petersen

Speeldeel inricht

 

Helmut Utermann

Hoor un Snutenwark

 

Heike Walter

Toseggen deit

 

Heike Walter